29.08.2008
Blickpunkt: Zu wenig Personal, zu wenig Zeit

Knull, Cristian
Christian Knull, Geschäftsführer Ernst-Schneider-Preis.  Foto: ESP

Schwierige Arbeitsbedingungen für Deutschlands Wirtschaftsjournalisten.

Die Arbeitsbedingungen für Wirtschaftsjournalisten in Deutschland sind schwieriger geworden. Etwa jede vierte Redaktion (26 Prozent) hat auch in den vergangenen zwei Jahren noch einmal einen Stellenabbau verkraften müssen – nur bei gut der Hälfte (55 Prozent) ist die personelle Situation in etwa gleich geblieben. Insgesamt halten rund 60 Prozent die personelle Besetzung ihrer Redaktion für nicht ausreichend. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des von den IHKs getragenen Ernst-Schneider-Preis unter Wirtschaftsjournalisten aller Mediengattungen, an der sich knapp 80 Redakteure und Autoren beteiligt haben. Angesichts der angespannten Personalsituation geben drei Viertel der Befragten an, sich mehr Zeit für Recherche und Aufbereitung der Beiträge zu wünschen.

Zu wenig Raum für Wirtschaftsberichterstattung im Fernsehen

Danach gefragt, ob Wirtschaftsthemen grundsätzlich genügend Platz eingeräumt wird, fällt das Urteil je nach Mediengattung sehr unterschiedlich aus. Im Print-Bereich findet nach Ansicht von knapp zwei Drittel Wirtschaftsberichterstattung genügend Raum. Ebenso viele sagen, dass Wirtschaftsthemen im Internet ausreichend behandelt werden. Im Hörfunk dagegen ist nach Ansicht von 56 Prozent das eigene Ressort unterrepräsentiert. Sehr deutlich fällt das Ergebnis in punkto Fernsehen aus. Eine übergroße Mehrheit von 86 Prozent gibt an, dass die Programm-Verantwortlichen dem TV-Wirtschaftsjournalismus zu wenig Raum einräumen.

„Wir beobachten bereits seit einigen Jahren, dass Wirtschaftsthemen im Fernsehen zunehmend auf Verbraucheraspekte reduziert werden“, so Christian Knull, Geschäftsführer Ernst-Schneider-Preis der deutschen Industrie- und Handelskammern e.V. „Diese Form der Berichterstattung hat zwar ihren Nutzwert, klammert aber die ebenso wichtige Aufklärung komplexer Zusammenhänge und wirtschaftspolitischer Hintergründe aus.“

Redakteure üben Selbstkritik

Der Umfrage des Ernst-Schneider-Preis zufolge bewertet eine Mehrheit von 61 Prozent die Qualität des Wirtschaftsjournalismus in Deutschland als „gut“ – ein „sehr gut“ vergab keiner der Befragten. Gut ein Drittel (36 Prozent) hält die Qualität nur für „mittelmäßig“. In diesem Zusammenhang sparen die Redakteure und Autoren auch nicht mit Selbstkritik. Denn eine Mehrheit von 57 Prozent gibt an, dass der Wirtschaftsjournalismus in Deutschland zu abstrakt ist und oftmals nicht den normalen Leser, Zuhörer oder Zuschauer erreicht.

Bedeutung der Wirtschaftsberichterstattung nimmt zu

Welche Bereiche der Wirtschaftsberichterstattung in den kommenden zwei bis drei Jahren im besonderen Maße das Publikumsinteresse wecken werden, darauf fanden die Journalisten weitgehend übereinstimmende Antworten. Vor allem an Themen wie Rente/Vorsorge (95 Prozent), Gesundheit (87 Prozent), Bildung (84 Prozent), Arbeit (79 Prozent) sowie Steuern (77 Prozent) wird das Interesse ihrer Meinung nach steigen. Die Trendthemen des Jahres 2008 sind nach Einschätzung der befragten Experten Energie, Preissteigerung sowie soziale Gerechtigkeit. Angesichts der allgemeinen Relevanz dieser Themen und der erklärungsbedürftigen Zusammenhänge einer globalen Weltwirtschaft glauben zwei Drittel der Befragten, dass die Bedeutung des Wirtschaftsjournalismus in den nächsten Jahren eher zunehmen wird.

Aktuelles am besten im Internet

Der starke mediale Wettbewerb und eine sich ändernde Mediennutzung erfordern eine Konzentration der einzelnen Bereiche der Wirtschaftsberichterstattung auf adäquate Medienkanäle. Die befragten Wirtschaftsjournalisten sind sich hier weitgehend einig: 90 Prozent sehen aktuelle Wirtschaftsnachrichten am besten im Internet aufgehoben. An zweiter Stelle steht das Fernsehen (61 Prozent). Print punktet bei den Bereichen Hintergrund (92 Prozent), bei lokalen Wirtschaftsthemen (91 Prozent) sowie bei Fragen zur Wirtschaftspolitik (81 Prozent). Die Verbraucherberichterstattung wird sich laut Umfrage künftig überwiegend auf das Fernsehen konzentrieren (61 Prozent).

Der Ernst-Schneider-Preis ist der Journalistenpreis der deutschen Wirtschaft. Der Medienpreis der IHKs setzt sich für die Behandlung wirtschaftlicher Themen in den Medien ein und schreibt seit 1971 einen renommierten Autorenwettbewerb aus.

alt Thilo Kunze

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