01.09.2010
Blickpunkt: Handel und Wandel mit und im Nachbarland

Flagge Polen online
Die IHK Ostbrandenburg ist Schwerpunktkammer Polen. Unternehmer erhalten hier besonders qualifizierte Informationen zu diesem Nachbarland.  Foto: Fotolia

Knapp 40 Industrie- und Handelskammern haben sich in einem bundesweiten Netz von Schwerpunktkammern zusammengeschlossen. In dieser arbeitsteiligen Kooperation betreuen die jeweiligen IHKs ein Land oder mehrere unter dem Blickwinkel der ökonomischen Zusammenarbeit. Dazu gehört das Bereithalten von Wirtschaftsinformationen, die sich in der Tiefe und Breite deutlich von dem abheben, was üblicherweise als Basisangebot bereitgestellt wird. Die IHK-Mitarbeiter für die Schwerpunktkammern verfügen zudem über interkulturelle Landeserfahrungen, Sprachkenntnisse sowie Kontakte vor Ort.

Vier Hauptinhalte hat diese kompakte Dienstleistung:
-Die detaillierte Suche nach Kooperationspartnern.
-Die Rechtseingangsberatung – eine Erstberatung auf sämtlichen Rechtsgebieten ohne Einzelfallcharakter.
-Belastbare Brancheninformationen direkt aus dem jeweiligen Land.
-Die Organisation von Informationsveranstaltungen, Seminaren, Messen und Unternehmerreisen.

Kenntnisse über Mentalität und Kultur sind wichtig

Die IHK Ostbrandenburg ist Schwerpunktkammer Polen. Um die Belange deutscher und polnischer Unternehmer dies- und jenseits der Oder kümmern sich die Experten des Enterprise Europe Networks. Aufgabe des Netzwerks EEN ist die Internationalisierung von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Anetta Poethke und Ralf Schulz beherrschen die polnische Sprache in Wort und Schrift und kennen sich in der Mentalität und der Kultur des Nachbarlandes aus. “Die interkulturelle Kommunikation ist bei Auslandsgeschäften sehr wichtig“, betont Ralf Schulz.  „Wir versuchen eine relativ trockene Problematik, wie zum Beispiel Umweltrecht, mit unseren praktischen Erfahrungen zu untermauen“, beschreibt Anetta Poethke  ihre Vorgehensweise.

Für die Suche nach Kooperationspartnern und die Brancheninformationen können die Ostbrandenburger IHK-Mitarbeiter auf ein dichtes Netz von Informationsquellen zurückgreifen, zum Beispiel die Auslandshandelskammern und das EEN-Netzwerk. Eng wird mit der Westlichen Industrie- und Handelskammer in Gorzów und mit der Polnischen Wirtschaftskammer für Exporteure, Importeure und Kooperation in Poznan zusammengearbeitet. Intensive Kontakte gibt es zu den Wirtschaftskreisen in Posen und Breslau. Dort gibt es vom Brandenburger Wirtschaftsministerium bestellte Partnerschaftsbeauftragte, die gezielt Kontakte zu Firmen herstellen.

Unternehmerreisen und Messen

Seit Jahren beteiligt sich die IHK Ostbrandenburg am Gemeinschaftsstand Berlin-Brandenburg auf der größten polnischen Industriemesse ITM. Im Juni eines jeden Jahres werden in Posen die neuesten Trends bei Technologien und im Maschinenbau gezeigt.  Traditionell findet an einem Messetag ein deutsch-polnisches Unternehmertreffen statt. Alle zwei Jahre findet der Deutsch-polnischer Logistiktag, vormals die Logistikmesse Logtrans mit Schwerpunkt Osteuropa, statt. In 2010 trafen sich knapp 130 Teilnehmer aus 75 Unternehmen und Institutionen auf der Baustelle des Flughafens Berlin-Brandenburg International zum Austausch von Informationen und Kontakten. In Chorin fand eine sehr gut besuchte Informationsveranstaltung zum polnischen Transportrecht statt. Im April dieses Jahres fuhren ostbrandenburgische Händler nach Posen. Dort machten sie sich mit den Gepflogenheiten und  Entwicklungen im polnischen Handel vertraut. Noch in diesem Jahr findet eine Unternehmerreise nach Bydgoszcz (Bromberg) und Torun statt.

Formulare werden nicht ausgefüllt

Eine Rechtsberatung sieht im Alltag oft folgendermaßen aus: „Ein deutscher Unternehmer, der bereits Geschäftsbeziehungen zum Nachbarland hat, möchte nun eine Niederlassung in Polen gründen“, beschreibt Ralf Schulz. Im Gespräche werde zunächst herausgearbeitet, ob ein solcher Schritt tatsächlich sinnvoll ist. Vielleicht kommt die Verpflichtung eines Handelsvertreters in Polen dem momentanen Geschäftsziel des deutschen Unternehmers näher? Kommt eine Niederlassungsgründung in Betracht, können dem Unternehmer die verschiedenen Rechtsformen gemäß des polnischen Handels- und Gesellschaftsrechts erläutert sowie Tipps gegeben werden, welche Rechtsform für ihn am besten geeignet ist. „Dabei versuche ich immer, wenn es geht, Analogien zum deutschen Recht herzustellen, um dem Unternehmer das polnische Recht verständlicher zu machen“ erklärt Ralf Schulz weiter. „Werden die einzelnen Gründungsschritte besprochen, ist es für den Unternehmer immer auch ganz wichtig zu wissen, mit welchen Kosten er bei der Gründung zu rechnen hat und wie lange es dauert.“ Auch über Fördermittel werden Grundinformationen erteilt. „Wir beraten, welche EU-Programme es gibt, welche Branchen davon profitieren können und wo es die Anträge gibt“, macht Anetta Poethke deutlich. „Wir führen aber keine Antragstellung durch und füllen auch keine Formulare aus.“

Etwa zwei Drittel aller Anfragen kommen von deutschen Unternehmen, ein Drittel aus dem Nachbarland. Sie betreffen alle erdenklichen Themen des Unternehmertums. Häufig werden Fragen zur Arbeitnehmerfreizügigkeit,-Dienstleistungsfreiheit und deren Beschränkungen,  Existenzgründung, Mehrwertsteuerrückerstattung sowie zum Straßentransport und Verkehrsrecht gestellt. Deutsche Unternehmer interessieren sich zurzeit besonders für erneuerbare Energien: Wie hoch ist die Einspeisevergütung? Welche Fördermittel gibt es? Polnische Unternehmer wollen wissen, wie sie legal in Deutschland Geld verdienen können: Wie läuft die Anmeldung beim Gewerbeamt und die Eintragung ins Handelsregister ab? Welche Unterlagen sind vorzulegen? Doch nicht nur Unternehmer melden sich. Auch andere IHKs und Institutionen haben Beratungsbedarf.  

Anfragen haben in konstant hohes Niveau

In 2004, im Jahr des Polenbeitritts in die EU, gab es die meisten Anfragen. „Die Anzahl der Anfragen heute  hat ein konstant hohes Level erreicht“, ist Ralf Schulz‘ Erfahrung. „Aber sie werden auch detaillierter und spezifischer.“ Im Jahr 2009 erreichten 524 Anfragen zu Polen die IHK Ostbrandenburg. Davon hatten allein 345 einen juristischen Hintergrund.  
Die weitere Harmonisierung des EU-Rechts, zum Beispiel im Umweltrecht, frischt Absatzmärkte auf. In 2016 werden die letzten Fristen verstreichen und der Erwerb von Wald und Wiesen in der Republik Polen ist jedem EU-Bürger ohne Einschränkung möglich. Ein Schwerpunkt der Anfragen ist zurzeit das neue elektronische Vorsteuervergütungsverfahren. Es gilt seit dem 1. Januar 2010 EU-weit und ist auch für deutsche Unternehmen, die in Polen gezahlte Umsatzsteuer erstattet haben möchten, sehr wichtig.
dtpolLogistiktagonline
Mitten im Geschehen: Anetta Poethke auf dem Deutsch-polnischen Logistiktag 2010 in Schönefeld. Als Schwerpunktkammer werden regelmäßig grenzüberschreitende Kooperationsbörsen organisiert. Foto: IHK

alt IHK/N. Groß

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