5.4.2011
Blickpunkt: Geschick, starker Wille und Kapital sind nötig für den Erfolg

Rainer Kattanek hoch
Rainer Kattanek verkauft Fahrräder und geht auch selbst gern auf Tour. Foto: W. Döll.

Engagierter Händler behält sein Wissen und seine Erfahrungen nicht für sich

Wer in Eberswalde Rainer Kattanek trifft, könnte schnell neidisch auf den Geschäftsmann werden. Der fast 60-Jährige hat sein Hobby zum Beruf gemacht und besitzt dazu auch noch die Fitness und Figur eines jungen Mannes. Der diplomierte Pädagoge betreibt das älteste Fahrradgeschäft der Stadt. Geradlinig verlief seine Tour durch das Leben trotzdem nicht.

„Nach dem Studium wollte ich eigentlich in die Wissenschaft gehen“, blickt Rainer Kattanek zurück. DDR-Hochschulabsolventen wurden aber vor der Wissenschaft erstmal zum Kennenlernen der Praxis in die Produktion geschickt. Der gebürtige Mecklenburger musste also nach Eberswalde ziehen und dort in den siebziger Jahren das damalige Schlacht- und Verarbeitungskombinat mit aufbauen. „Ich war für die Berufs- und Personalstruktur verantwortlich und habe die Betriebsschule mit geschaffen.“ Er blieb viele Jahre in diesem damals größten und modernsten Fleischverarbeitungsbetrieb Europas. In der Wendezeit aber verließ er den völlig überdimensionierten Betrieb. „Es konnte so einfach nicht mehr weiter gehen“, erinnert sich der Pädagoge.

Geschäftsidee an den Klapptisch getragen

Rainer Kattanek besann sich damals auf seine Hobbys Musik und Sport. „Ich nahm mir also einen Klapptisch und einige Mifa-Fahrräder, setzte mich an den Werbellinsee und verlieh die Räder an Touristen.“ Sein Umfeld reagierte ganz unterschiedlich. „Meine Frau verstand mich, sie stand zu mir“, erinnert sich Kattanek. „Aber meine Eltern riefen an und fragten, ob ich krank sei und Hilfe benötige.“ Am Werbellinsee aber wurde ihm seine Geschäftsidee an den Klapptisch getragen. „Ich hatte mir die ersten Fahrräder aus dem Westen besorgt und irgendwann wollten die Leute wissen, wo sie die auch kaufen könnten.“ Also eröffnete er noch in den letzten Wochen der DDR sein erstes Geschäft. „Es war 24 Quadratmeter groß und befand sich in einer alten Baracke am Stadtrand von Eberswalde.“

Bis zum Herbst 1990 verkaufte Rainer Kattanek nicht ein einziges Fahrrad. „Die Eberswalder interessierten sich damals eher für neue Autos, Fernseher und Reisen und die wenigen Touristen fanden meinen Laden nicht.“ Also versuchte er, die Leute mit touristischen Angeboten auf sich aufmerksam zu machen. Er organisierte Radwanderungen, kleine Wettkämpfe und suchte nebenbei einen neuen Standort für seinen Laden. Seit 1996 steht das Rad-Haus Kattanek nun in der Eberswalder Eisenbahnstraße. Mit Rädern, Zubehör, der Werkstatt, gutem Service und auch noch immer mit vielen touristischen Angeboten lockt er mit seinem kleinen Team die Kunden an. Sein Geschäft ist eingeführt und wird nach dem 60. Geburtstag vom Sohn übernommen.

Nur geistige Auseinandersetzung bringt uns weiter

Rainer Kattaneks Erklärung für den Erfolg klingt philosophisch. „Die Menschen verspüren unterschiedliche Tendenzen in sich“, beginnt er. „Einige entdecken einen großen Drang in sich und engagieren sich, andere erkennen nur Kritik und Probleme, tragen aber nicht zu ihrer Lösung bei, weil sie die Kraft dafür nicht finden oder nicht suchen wollen.“ Er steht deshalb auch einigen heutigen Geschäftsgründern recht kritisch gegenüber. „Wer nur einen Laden eröffnet, um aus der Arbeitslosigkeit herauszukommen, wird keinen Erfolg haben“, betont der Geschäftsmann. „Nur wer unternehmerisches Geschick, einen starken Willen und auch Kapital besitzt, wird erfolgreich sein.“

Natürlich ist Rainer Kattanek mit seinem Geschäft ein Einzelkämpfer im Wettbewerb mit den anderen Anbietern seiner Branche. Trotzdem ist er seinen Weg nie allein gegangen. Mit der Gewerbeanmeldung erhielt er vor vielen Jahren auch gleich die IHK-Mitgliedschaft. „Ich musste mich damals entscheiden, meckere ich über diese Organisation oder bringe ich mich mit ein und nutze sie somit für mich und die anderen Händler der Region“, schaut Rainer Kattanek zurück. Er entschied sich für die IHK. Inzwischen leitet er den Handelsausschuss der Kammer und ist Mitglied der Vollversammlung. Dort diskutiert er kräftig mit und sagt seine Meinung. „Die muss ja nicht immer richtig sein und jedem gefallen, aber nur in der geistigen Auseinandersetzung kommen wir doch weiter“, betont Kattanek. „Ich würde mich freuen, wenn noch mehr Mitglieder der Vollversammlung kritisch mitdiskutieren würden.“

Innenstädte leben von Gemeinsamkeiten

Im Handelsausschuss engagiert er sich besonders für eine Belebung der Innenstädte. „Wir dürfen dabei aber nicht die Händler allein betrachten“, argumentiert der Ladeninhaber. „Händler, Bürgerschaft, Verwaltung, Bauumfeld sowie das Kauf- und Freizeitverhalten müssen im Zusammenhang gesehen werden.“ Es bringe beispielsweise nichts, wenn Orte in der Region versuchen, mit extremen Billigmärkten, Leute anzulocken. „Das geht nicht auf, wir können in diesem Preisbereich nicht die polnischen Grenzmärkte unterbieten, wir müssen einfach auf eine gute Qualität der Waren und auf eine ansprechende Verkaufskultur setzen.“

Im Handelsausschuss wurden deshalb verschiedene Initiative zur Stärkung der Innenstädte entwickelt. Dabei ging es um scheinbar einfache Dinge. „Die Händler müssen mehr miteinander reden, ihre Interessen bündeln, gemeinsame Marketingstrategien entwickeln und auch ihre Öffnungszeiten im Ort anpassen“, sagt Rainer Kattanek. Inzwischen gibt es in einigen Städten Ostbrandenburgs Mitternachtsshopping, spezielle Märkte und besondere Verkaufsaktionen. Kattaneks Heimatstadt zieht mit dem Motto „Guten Morgen Eberswalde“ jeden Samstag Gäste in die Innenstadt. „Ab 10.30 Uhr werden auf dem Markt oder im Paul-Wunderlich-Haus kulturelle Veranstaltungen geboten, die Leute anlocken, für Leben in der Stadt sorgen und davon profitieren auch wir Händler.“        

Händler müssen selbst aktiv werden

Für Rainer Kattanek ist der Erfolg solcher Aktionen vom Engagement der Gemeinschaft abhängig. „Die Bürgerschaft entscheidet, ob sie gewillt ist, Qualität in den Geschäften der eigenen Stadt zu kaufen oder ob sie dafür in die Zentren anderer Orte fährt.“ Er wird deshalb nicht müde, über Zusammenhänge zu reden. Ein ordentliches Wohnumfeld, ein vernünftiger Branchenmix der örtlichen Händler, das gemeinsame Agieren in Vereinen, ein guter Draht zur Stadtverwaltung und aktive Händler sind einfach wichtig für eine gute Lebensqualität der Stadt. „Hochwertige Waren lassen sich nur in einem hochwertigen Umfeld verkaufen.“ Das aber hängt nicht nur von schönen Bauten ab. „Wenn ein Hundehaufen vor einem Landen liegt, können wir Händler uns über den stinkenden Schmutz ärgern, immer wieder über die Hundehalter und die Stadtverwaltung schimpfen und lange auf die Reinigung warten“, mein Rainer Kattanek. „Wir können aber auch selbst zur Schaufel greifen und den Haufen beseitigen“, rät er. „Das geht ganz leicht und schnell, ich muss es nur wollen.“


Rainer Kattanek quer
R. Kattanek. Foto: W. Döll.

alt Wilko Döll

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