Frankfurter Kirche St. Marien Foto: W. Döll
Die Kirche St. Marien ist eine Geschichte von Reichtum und Bürgersinn sowie vom Selbstverständnis einer Stadt und ihrer Bewohner.
Die Fenster der Kirche St. Marien in Frankfurt (Oder) sind legendär. Als Bilderbibel, gläsernen Schatz oder als „biblische Botschaft im Zusammenspiel von Glas, Farbe und Licht“ bezeichnen sie die Fachleute, als „Wunderwerk gotischer Glasmalerei“ die renommierte Hamburger Kunstzeitschrift „art“. Ob die Bürger der reichen Hansestadt Frankfurt an der Oder in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts ahnten, was ihre Kirchenfenster noch Jahrhunderte später für Begeisterung, für Faszination auslösen würden? Ob es die unbekannten Künstler und Handwerker hofften, die die drei 11,60 Meter hohen Fenster mit 117 einzelnen Glasbildern schufen?Auf jeden Fall müssen die Scheiben mit ihren Geschichten von der Erschaffung der Welt, von der Christuslegende und vor allem – im dritten Fenster – die vom Antichrist, dem Bösen schlechthin, vom Welten-Ende, schon damals eine Sensation dargestellt haben. Der Glaszyklus des Antichrists, der mit seinen falschen Wundern die Menschen zu täuschen und seiner Macht zu unterwerfen droht, ist in der Kunstgeschichte einzigartig geblieben. Die Gesichter des Antichrists erinnern an moderne Horror-Darstellungen, sie berühren noch heute.
Langer Weg zurück nach Frankfurt (Oder)
Die Fenster haben in den letzten Jahrzehnten nach dem Krieg eine spektakuläre Odyssee hinter sich gebracht, vergleichbar mit der Geschichte des legendären Bernsteinzimmers – allerdings mit glücklichem Ausgang. 1941 aus Furcht vor Kriegseinwirkungen ausgebaut und sorgsam in Holzkisten verpackt, kamen sie kurz vor Kriegsende aus Sicherheitsgründen ins Neue Palais nach Potsdam. 1946 tauchten sie ein vorerst letztes Mal im Berliner Zentralviehhof, im so genannten Kriegsbeutelager I, wieder auf. Von dort traten sie die Reise in das damalige Leningrad an, dann verlor sich ihre Spur, sie galten als verschollen.
Im April 1991 dann die Sensation: In der Moskauer „Literaturnaja Gazeta“ wurden die Fenster erstmals wieder erwähnt! Nach jahrelangen und komplizierten Verhandlungen kamen Frankfurts Fenster schließlich am 29. Juni 2002 an ihren Ursprungsort zurück. Die mühsame und kostspielige Restauration begann, 2005 konnte das erste Fenster wieder eingebaut werden.
Frankfurt feiert die Rückkehr der Bilderbibel
Die beiden anderen Fenster werden in den nächsten Wochen wieder eingebaut und exakt fünf Jahre nach ihrer Rückkehr in einem Festakt am 29. Juni 2007 enthüllt. Frankfurt feiert dann eine Woche lang die Rückkehr seiner Schätze. Bis zum 8. Juli wird es hochkarätige Konzerte, kreative Kirchenführungen für Kinder und Erwachsene, Vorträge und Gottesdienste geben. Schon seit Ostern bietet der Tourismusverein Frankfurt (Oder) Besichtigungen und Turmbesteigungen von St. Marien an. Auch die sechs noch fehlenden Scheiben der Fenster sind inzwischen aufgetaucht – in Moskau. Auch sie sollen demnächst zurückgegeben werden. Russlands Regierung hat dafür einen Gesetzentwurf vorbereitet, der nun dem Parlament übergeben wird.
Die Frankfurter haben durch die Jahrhunderte hinweg immer wieder Bürgersinn bewiesen. Ein Großteil der für die Fenster notwendigen Mittel kam durch Spenden der Bürger und Institutionen zusammen. Sie ist sozusagen Frankfurts Frauenkirche: Die aus Trümmern wiedererstandene größte und mächtigste Hallenkirche norddeutscher Backsteingotik mit ihren prachtvollen Glasfenstern – St. Marien!
St. Marien im Herzen der Stadt Foto: W. Döll
Christine Hellert/Wilko Döll

