M. Linsen vom Brandenburger Wirtschaftsministerium. Foto: W. Döll
Bei richtiger Ausrichtung auf die besondere Klientel können Radler zu einem wichtigen Kundenkreis für touristische Anbieter werden. Das ist das Fazit einer von der IHK-Projektgesellschaft organisierten Radwegekonferenz in Fürstenwalde.
„Wenn ein Radler an einem Hotel vorbeifährt, rollt das blanke Geld vorbei.“ Wolfgang Reiche vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club kennt die Wünsche der Radtouristen wie kaum ein anderer. Er ist der Geschäftsführer vom Netzwerk Bett & Bike Deutschland. Darin sind rund 4.600 Hotels, Pensionen, Gasthäuser und andere Übernachtungsstätten erfasst, die sich mit ihren Angeboten besonders auf die Bedürfnisse der Radtouristen eingestellt haben. „Sie verfügen also über sichere Abstellräume für Räder, Trocknungsmöglichkeiten für nasse Kleidung, Radlermenus und Radlerinfos und sind auch sonst für Radler offen“, sagt Reiche. Sein Netzwerk macht diese Häuser über Karten, Radwegebegleithefte und Datenbanken im Internet bekannt. Außerdem erhält jedes Haus ein Logo von Bett & Bike und ist damit sofort für Radler erkennbar.Die besondere Klientel der Radtouristen wird von vielen Herbergen und gastronomischen Einrichtungen noch immer unterschätzt. „Radtouristen sind meistens zwischen 40 und 59 Jahre alt, besitzen eine überdurchschnittliche Bildung und verfügen auch über ein überdurchschnittliches Einkommen“, hat Hagen Melzer von der Lorenz Tourismusberatung festgestellt. „Für die Radler ist der Weg das Ziel, sie wollen die durchfahrene Region erleben und sie genießen. Wenn dann auch noch die Angebote stimmen, bleibt auch das Geld der Radler in der jeweiligen Region.“ Für touristische Unternehmen seien Radler außerdem auch deshalb sehr interessant, weil sie mehrmals im Jahr auf Tour gehen.
100 Millionen Tagesgäste besuchen pro Jahr das Land
Brandenburg hat zeitig das Potential der Radler für den Tourismus erkannt. „Das Land hat seit 1996 rund 130 Millionen Euro in den Ausbau der Radwege investiert“, sagt Martin Linsen vom Brandenburger Wirtschaftsministerium. Abgesehen von einigen Lückenschlüssen ist der Aufbau des landesweiten Radwegenetzes nahezu abgeschlossen. „Jetzt müssen die Unternehmen aus dem Umfeld nur noch das Potential der Radwege erkennen“, sagt Linsen. Deutschlandweit wird mit den Radlern Jahr für Jahr ein Umsatz von rund 5 Milliarden Euro erwirtschaft, Pro Urlaub gibt jeder Radtourist durchschnittlich fast 1.200 Euro aus.
Dieses Geld hätten auch die Brandenburger Touristikanbieter gern in ihren Kassen. Die Mark aber ist nicht das klassische Ziel der Urlauber, sondern wird zumeist von Tagesgästen besucht. „Über 100 Millionen Tagesbesucher pro Jahr aber sind ein gewaltiges Potential, denn jeder gibt hier im Schnitt 20 Euro aus“, rechnet Linsen vor. Die meisten Tagesgäste kommen noch immer aus Berlin oder den direkten Nachbarländern nach Brandenburg. Diese Quellmärkte sollten deshalb auch weiterhin stark umworben werden.
Anbieter müssen Netzwerke bilden
„Bei dieser Werbung sollten sich die einzelnen Anbieter gemeinsam in Netzwerken organisieren und die Besonderheiten der Region herausarbeiten“, empfiehlt Raimund Jennert vom Landestourismusverband. Schon jetzt arbeiten 120 Unternehmen und Organisationen im Netzwerk „Aktiv in der Natur“ zusammen. Gemeinsam werden vermarktungsfähige Produkte entwickelt und auch Reserven aufgedeckt. So wird auf eine einheitliche Beschilderung der Radwege genauso geachtet wie auf richtige Informationen zu den regionalen Sehenswürdigkeiten. Eine Klassifizierung der Radwege soll außerdem zu einer Qualitätsverbesserung beitragen. Dabei werden auch die Entfernung vom Radweg zum nächsten Hotel oder Restaurant und die Informationen darüber bewertet. „Radler wollen nach ihrer Tour nicht noch ewig suchen“, sagt Jennert. Häuser fernab der Radwege profitieren deshalb nicht vom Radlerboom.
Das Frankfurter Hotel „Zur Alten Oder“ liegt dagegen direkt am Oder-Neiße-Radweg. „Vor Jahren standen die ersten Radler schwitzend an der Rezeption und fragten nach einer Unterkunft, inzwischen sind sie ein ganz wichtiger Kundenkreis für unser Hotel“, erklärt Inhaber Hartmut Kohn. Sein Haus wurde und wird von Montag bis Freitag sehr stark von Dienstreisenden genutzt. Am Wochenende und in den Urlaubsmonaten standen viele Zimmer oft leer, jetzt sind in dieser Zeit die Radler zu Gast. „Sie sichern die Existenz des Hotels und haben auch für zusätzliche Umsätze in der Gastronomie gesorgt, denn ein Radler bleibt nach einer langen Tagestour auch zum Essen in seinem Quartier“, freut sich der Unternehmer. Allerdings hat er sich auch mit seinen Angeboten auf die Radler eingestellt. Er kümmert sich um den Gepäcktransport der Radler, organisiert zusammen mit dem Frankfurter Tourismusverein Stadtrundfahrten per Rad und begrüßt die Radler mit einem kühlen Getränk an der Rezeption. „Die sollen sich nach der anstrengenden Tour schließlich bei uns wohl fühlen, sich erholen und unser Haus auch weiter empfehlen.“
R. Jennert vom Landestourismusverband. Foto: W. Döll
Wilko Döll

