"Dieses Sackerl sieht bald die Radieschen von unten" steht auf der von Betriebsleiter Jens Schramm gehaltenen Tüte, die für die österreichische ALDI-Tochter produziert wird. Foto: MOZ/Hajo Zenker
Wunsch und Wirklichkeit: Ökonomie und Ökologie vereinen
Ökonomie und Ökologie zu vereinen, wird gern gefordert. Daraus Realität werden zu lassen, ist gar nicht so einfach. Genau dem aber stellt sich die Ruppiner Papier- und Folienwerke GmbH aus Neuruppin (Ostprignitz-Ruppin). Etwa, indem man voll biologisch abbaubare Kunststoff-Tragetaschen für große Lebensmittelketten produziert. Eine herkömmliche Plastiktüte braucht je nach Kunststoffsorte zwischen 100 und 500 Jahre, um sich zu zersetzen. Der Neuruppiner Betriebsleiter Jens Schramm aber kann versichern: "Unsere Tüten sind nach 80 Tagen auf dem Kompost faktisch verschwunden." Denn dann sind mehr als 90 Prozent biologisch abgebaut. Weil sich Bakterien auf das Produkt aus Maisstärke stürzen und es so verschwindet. Dabei besteht die Tüte bisher "nur" zur Hälfte aus nachwachsenden Rohstoffen, der Rest ist noch aus Erdöl - der Anteil soll aber sinken. "Die Erdölvorräte sind bekanntlich endlich."Für das wahre Leben
Weiterer Vorteil, den man schon beim Anfassen zu spüren glaubt: Aufgrund ihrer Strapazierfähigkeit hält die Bio-Tüte auch noch deutlich länger als die sonst in Deutschland übliche Polyethylen-Plastiktüte. Und natürlich ist sie mit schwermetallfreien, lebensmittelechten, wasserbasierten Farben bedruckt, die biologisch abbaubar sind.
Trotzdem ist Schramm klar, dass es durchaus Kritik an einer solchen Tüte gibt - man könnte schließlich stets eine Stofftasche benutzen. Ökologisch überaus vorbildlich wäre das - aber man hat im wahren Leben dann doch nicht immer einen Beutel aus Baumwolle dabei. Und manchmal reicht er schlicht nicht für alle die Dinge, die man eingekauft hat. "Wir konkurrieren nicht gegen Stofftaschen, sondern gegen Plastiktüten."
Werden Plastik-Tüten bald verboten?
Bleibt die Preisfrage. Und da muss man als Verbraucher bisher an der Kasse auf jeden Fall das Doppelte des gleich großen Erdölprodukts berappen. Aber auch daran wird gearbeitet - in Kooperation mit dem Grundstofflieferanten und durch eigene Effizienzsteigerung soll man etwa bald beim Großkunden Aldi weniger als bisher zahlen. "Wir glauben, dass die Bio-Tüte Potenzial hat, sonst würden wir das trotz aller Umweltverbundenheit nicht tun. Schließlich müssen wir auch Geld verdienen", sagt Jens Schramm. Bisher ist jede zweite der pro Monat fünf Millionen produzierten Tragetaschen biologisch abbaubar. Der Bio-Anteil soll weiter steigen. Kunde ist etwa Aldi, neben den deutschen Geschäften bei Aldi Nord und Aldi Süd auch in Österreich, der Schweiz, in den Niederlanden, Dänemark und Portugal. Auch Rewe, einschließlich der Baumarkttochter Toom und der österreichischen Billa-Kette, nimmt Bio-Tüten ab.
Eine Hilfe könnte von der Politik kommen. In der EU gibt es Überlegungen, reine Plastiktüten zu verbieten, oder zumindest, wie es das in Irland gibt und gerade vom Grünen-Parteitag gefordert wurde, per Zwangsabgabe zu verteuern. Aber auch ohne solche Hilfe geht man davon aus, dass die Ketten, um eine nachhaltige Firmenpolitik unter Beweis zu stellen, verstärkt auf die Bio-Tüte setzen werden.
Jetzt werden Ostermotive gedruckt
Noch ein weiteres Standbein hat man am Standort: Servietten. Rund zwei Millionen Packungen á 30 Servietten verlassen im Monat das Werk - natürlich ebenso mit lebensmittelechten, aber völlig umweltgerechten Farben. Gefertigt mit Papier, deren Herkunft sich genau nachvollziehen lässt. Derzeit übrigens werden gerade die Ostermotive gedruckt.
Dass das Konzept der Papier- und Folienwerke GmbH ankommt, sieht man auch an der Mitarbeiterentwicklung: Innerhalb von drei Jahren hat sich die Zahl auf 53 fast verdoppelt - und 2012 kommen zehn weitere Beschäftigte hinzu. Innovation kann sich also lohnen - für Ökologie und Ökonomie.
MOZ/Hajo Zenker

