12.11.2007
Freizeit: Vom Geheimtipp zur Touristenoase

Julia von Stünzner-Karbe 1
J. v. Stünzner-Karbe in einer stilvollen Suite. Foto: W. Döll

Das einst zerfallene Gutshaus in Sieversdorf lockt mit Veranstaltungen und schönen Quartieren heute wieder Gäste an.

Wenn Häuser reden könnten, würde sich das alte Gutshaus in Sieversdorf bei Frankfurt (Oder) seinen Zuhörer schnell Gehör verschaffen. Im Laufe der Jahrhunderte hat es viel erlebt. Es könnte heute Geschichten erzählen über die einstige Pracht, über Macht und Machtmissbrauch, über Heimatliebe, Glück, viel Arbeit und über die neue Schönheit. Um 1690 wurde es einst im Stile eines preußischen Gutshauses erbaut. Später kam es in den Besitz der Familie von Stünzner-Karbe. Sie pflegte jahrhunderte lang Park und Gutshaus und ergänzte es mit einem Wirtschaftshaus. Nach dem letzten großen Krieg aber wollten die neuen Besitzer der Macht mit dem alten Adel brechen, also zerstörten sie Teile des Gutshauses. Zum Glück überstand der alte Barocksaal im Haupthaus die kulturelle Barbarei. Später hingen blecherne Neonlampen von den alten Stuckdecken und warfen ihren grellen Schein in die lichten Regale eines KONSUM-Ladens. Wenn Häuser reden könnten.

Gutshaus strahlt im neuen Glanz

Heute strahlt ein Teil der Fassade vom Gutshaus Sieversdorf wieder im freundlichen Gelb. Der andere Teil mit dem großen Halbrundfenster aber ist schmutziggrau und verliert den Putz. Mit seinem neuen und dem alten Teil wirkt das Gebäude etwas unfertig. „Nein, wir fühlen uns, als hätten wir es fast geschafft, die graue Fassade verschwindet doch auch bald“, widerspricht Julia von Stünzner-Karbe energisch. Sie und ihr Mann sind heute die Besitzer des Gutshauses und kümmern sich liebevoll um den Wiederaufbau und die Nutzung des großen Gebäudes.

„Meine Schwiegereltern haben das Haus nach der Wende von der Treuhand erworben, sind aus dem Westen wieder hier hergezogen, haben mit der Sanierung begonnen und dem Gutshaus wieder Leben eingehaucht“, erzählt die 37-Jährige. Dorf und Umland wurden dabei schnell einbezogen. „Meine Schwiegermutter organisierte schon bald nach dem Einzug Konzerte und Lesungen im alten Barocksaal.“ Sieversdorf wurde bei Künstlern und dem Publikum schnell zum Geheimtipp für gute Kultur. Die Familie von Stünzner-Karbe aber begriff den Wiederaufbau des kompletten alten Gutshauses von Anfang an als ein Mehrgenerationenprojekt. Also übernahmen die jungen von Stünzner-Karbes das Haus.

Leben im alten Gutshaus

Pläne wurden geschmiedet, Architekten und Denkmalschützer einbezogen, Banken und Fördermittelstellen aufgesucht und schließlich gebaut. Das nach dem Krieg abgerissene Wirtschaftsgebäude mit Fremdenzimmern und Küche wurde dem Haupthaus wieder zugefügt. Die einst dreiflügelige Anlage ist damit wieder komplett. Jetzt können die ersten Gäste in die neuen Ferienquartiere einziehen. „Wir haben vier Doppelzimmer und zwei Suiten für Besucher eingerichtet“, erzählt Julia von Stünzner-Karbe. Sie alle sind im englischen Stil möbliert und verfügen über moderne Bäder. Auch eine Suite mit Kamin, hölzernen Truhen und anderen alten Möbeln gehört dazu. Für 80 Euro kann im Gutshaus ein Doppelzimmer mit Übernachtung gebucht werden.

Künftig sollen vom Gutshaus aus den Gästen auch besondere und geführte Touren angeboten werden. „Die historischen Kirchen der Region, die Stätten preußischer Geschichte und Naturschönheiten der Gegend sollen dabei den Gästen vorgestellt werden“, erzählt die Hausherrin. Diese Ausflüge werden auch zu historisch und kulturell wichtigen Orten nach Polen führen. Auch die gemeinsam mit dem Förderverein organisierten Konzerte und Lesungen finden natürlich weiterhin im Barocksaal vom Gutshaus Sieversdorf statt. „Familien oder Firmen können den übrigens auch für stilvolle Feiern bei uns mieten.“ Per Mundpropaganda wird zurzeit noch für das Gutshaus Sieversdorf geworben. Das funktioniert gut, demnächst soll aber auch noch eine eigene Internetseite entstehen. Außerdem haben sich die Gutsleute der Gemeinschaft Culture & Castles angeschlossen. Die lockt bundesweit Gäste in alte Schlösser und Landhäuser.
Gutshaus Sieversdorf, Barocksaal
Der Barocksaal im Gutshaus Sieversdorf.  Foto: W. Döll

alt Wilko Döll

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