Das Schiffshebewerk in Niederfinow. Foto: W. Döll
Am Bauwerk wurde eine Plakette mit der Aufschrift „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“ angebracht.
„Dieses Schiffshebewerk am Oder-Havel-Kanal in Niederfinow ist ein Musterbeispiel für gebaute Nachhaltigkeit“, sagte Achim Großmann, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, bei der feierlichen Enthüllung der Plakette. Seit über 70 Jahren verrichte das Werk seinen Dienst. Nur äußerst wenige Ausfalltage hätten den Verkehr auf dem wichtigen Wasserweg nach Berlin behindert. Allein im vergangenen Monat wurden am Hebewerk Niederfinow Schiffe mit einer Gesamtgütermenge von rund 300.000 Tonnen befördert.„Ein Meisterwerk deutscher Ingenieurskunst wurde hier im vergangenen Jahrhundert errichtet“, lobte Dr.-Ing. Karl Heinrich Schwinn, Präsident der Bundesingenieurkammer. Seine Organisation vergibt gemeinsam mit einem Förderverein die Auszeichnungen für die historischen Wahrzeichen in Deutschland. 70 Projekte sollen damit in den nächsten Jahren gekennzeichnet werden. Das Schiffshebewerk wurde als erstes Objekt ausgewählt. „Wir wollen mit diesen öffentlichen Ehrungen dem Berufsstand der Ingenieure mehr Aufmerksamkeit verschaffen und somit auch die Nachwuchsgewinnung unterstützen“, sagte Schwinn.
Fahrstuhl für Schiffe
Das Schiffshebewerk Niederfinow besteht aus einem genieteten Stahlgerüst. Darin befindet sich ein 80 Meter langer und 9,2 Meter breiter Trog der die bis zu 1.000 Tonnen schweren Schiffe aufnehmen kann. Wie in einem Fahrstuhl werden sie innerhalb von fünf Minuten von der unteren zur 36 Meter höher gelegenen Kanalführung gehoben. Mit der Ein- und Ausfahrt benötigen die Schiffe nur knapp 20 Minuten für die Passage des Höhenrückens. Vor dem Bau des Hebewerkes mussten die Schiffer eine überaus zeitaufwändige Schleusentreppe benutzen. Seit 1934 aber steht ihnen das Schiffshebewerk für die schnelle Fahrt von Stettin nach Berlin zur Verfügung.
„Berlin wurde aus dem Kahn erbaut und Brandenburgs Wasserwege ermöglichten den Nachschub“, erinnerte Wieland Sommer, Präsident der Brandenburgischen Ingenieurkammer. Das Land besitze eine langjährige Ingenieurstradition im Wasser- sowie Tief- und Erdbau. Noch immer sind in Brandenburg in diesem Bereich rund 460 Ingenieure tätig. In allen Branchen des Landes gehören dem Berufsstand über 25.000 Ingenieure an. „Das die erste Ehrung eines Bauwerks der Ingenieurbaukunst bei uns in Brandenburg erfolgte, ist deshalb auch eine besondere Auszeichnung für unsere Berufsgruppe hier“, erklärte Sommer.
70 Werke der Ingenieurbaukunst werden geehrt
In den nächsten Jahren sollen in Deutschland weitere Bauwerke als Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst ausgezeichnet werden. Geehrt werden Werke, die schon länger als 50 Jahre genutzt werden und eine besondere Bedeutung haben. 70 Vorschläge stehen bereits auf der Liste. Aus Ostdeutschland wurden unter anderem die Elbbrücke „Blaues Wunder“ in Dresden, die Großmarkthallen in Leipzig und die Göltzschtalbrücke bei Netzschkau vorgeschlagen. Aber auch der Elbtunnel in Hamburg, die Bayerische Zugspitzbahn und die Völklinger Hütte sind für die Ehrung vorgesehen.
Die erste Plakettenvergabe wurde am Schiffshebewerk in Niederfinow groß gefeiert. Per Schiff fuhren die vielen Ehrengäste mit dem riesigen Fahrstuhl von der unteren zur oberen Kanalführung. Dabei konnten sie schon die Baustelle für ein neues Hebewerk direkt neben dem alten Werk in Augenschein nehmen. „Unser alter Fahrstuhl hat zwar im vergangenen Jahr rund 2,2 Millionen Tonnen Güter befördert, aber das reicht künftig nicht mehr“, erklärt Rolf Dietrich, Leiter des zuständigen Wasser- und Schifffahrtsamtes Eberswalde. Neue und größere Schiffe werden künftig auf dem Oder-Havel-Kanal zwischen Stettin und Berlin unterwegs sein. Die können dann auch doppelt gestapelte Container transportieren. „Für die größeren Schiffe ist aber auch ein größerer Trog nötig.“ Für rund 185 Millionen Euro wird deshalb ein neues Schiffshebewerk bei Niederfinow gebaut. Im nächsten Jahr wird der Bau beginnen und fünf Jahre später können die ersten Schiffe kommen.
Schiffshebewerk wird in China nachgebaut
Das alte Hebewerk aber wird nicht abgerissen. Es bleibt dem kleinen Schiffsverkehr und den tausenden Touristen erhalten, die sich Jahr für Jahr das Wunderwerk der Technik anschauen. Außerdem erhält das alte Werk neben der Plakette als Wahrzeichen der deutschen Ingenieurbaukunst noch eine weitere Ehrung. Am großen Dreischluchtendamm in China wird demnächst ein Schiffshebewerk gebaut. Das Prinzip und die Bauweise dafür wurden in Niederfinow abgeschaut.
K. H. Schwinn und A. Großmann enthüllten die Plakette. Foto: W. Döll
Wilko Döll

