Zwei Jahre war der Niederfinower Rainer Zimmermann arbeitslos, bevor er sich als Senfhersteller selbstständig machte. Mittlerweile ist sein Mostrich ein Kassenschlager - und der Unternehmer Zukunftspreis-Gewinner.
Im Leben von Rainer Zimmermann dreht sich alles um ein kleines Korn. Genau genommen sind es säckeweise gelber, brauner und schwarzer Senfkörner. Auf ihnen hat der in Bad Freienwalde geborene Geschäftsmann sein Unternehmen aufgebaut – eine Idee, für die er jetzt mit dem von Märkischer Oderzeitung und IHK Frankfurt vergegebenen Zukunftspreis Ostbrandenburg 2006 geehrt wurde. „Zimmermanns Senf“ heißt das Produkt, das er seit 1999 selbst produziert und vermarktet. 30 Gläser pro Tag verließen anfangs den kleinen Hofladen. Heute sind es mehr als 300. Innerhalb kurzer Zeit wurde der Mostrich aus dem Barnim zum Kassenschlager und ist längst über die Grenzen der Region hinaus bekannt. Bis aus Essen, Hamburg oder Hannover reisen Zimmermanns Stammkunden nach Niederfinow, um sich mit dem scharfen Gewürz einzudecken. Brandenburgs früherer Ministerpräsident Manfred Stolpe hat es probiert, und auch sein Nachfolger Matthias Platzeck, Schauspieler Herbert Köfer und Tatortkommissar Axel Prahl schwärmen davon. Produziert wird der Senf in einem kleinen Hinterstübchen von Zimmermanns Einfamilienhaus, das nur einen Steinwurf von einem der größten Schiffshebewerke Deutschlands entfernt liegt.Wo Whisky und Zimt aufeinandertreffen
Dort, in der kleinen, gekachelten Senfmüllerei, stellen der Barnimer und seine Familie einen Mostrich der Extraklasse her – in mehr als 60 verschiedenen Geschmacksrichtungen. „Meine Mutter ist die Köchin, und ich kümmere mich vor allem um den Absatz“, erklärt Zimmermann. Über den Rand seiner Brille hinweg wirft er einen prüfenden Blick auf ein Glas Pflaumensenf in seiner Hand. „Der schmeckt am besten zu Kasslerbraten“, verrät der Experte. Zum Wildschweinbraten empfiehlt er Sanddornsenf, und „Omas Alter Senf“ passt vorzüglich zu süß-sauren Eiern. In Zimmermanns Produkt sind weder Konservierungsstoffe noch Aromazusätze enthalten, dafür aber hundertprozentiges Senföl. Neben den traditionellen stehen auch ausgefallene Sorten ordentlich aufgereiht in langen Regalreihen. Etwa Weihnachts- Askaniersenf mit pikantem Lebkuchengeschmack oder Zimtsenf. Den wünschte sich eine Kundin. Zimmermann mischte, kostete, befand das Ergebnis für gut und nahm es ins Sortiment auf. Dass der Zimtsenf so reißenden Absatz findet, hat ihn dann aber doch überrascht. Neben der Sorte „Whisky“ gehört auch noch „Preussensenf“ zu seinen Spezialitäten. „Der ist eher zum Verschenken“, sagt Zimmermann und grinst. „Für die bayerische Verwandtschaft.“
Not macht eben doch erfinderisch
Stets hat der Mann mit dem Vollbart einen lockeren Spruch auf den Lippen. Dabei war seine Lebenssituation nicht immer rosig. Als Textilhändler sah der Niederfinower irgendwann keine Chance mehr. Also hängte er den Job an den Nagel und war zunächst arbeitslos. Später versuchte er sich als Journalist und entwickelte Spiele, die aber niemand haben wollte. Mehr als zwei Jahre ging das so. Aus der Not heraus und weil das Geld knapp war, baute Zimmermann in dieser Zeit Schnittlauch und andere Kräuter, Obst und Gemüse an. Platz genug hatte er hinter seinem Haus, das idyllisch am Ende des Oderbruchs liegt. „Eigentlich sollten die Sachen nur für den Eigenverbrauch sein“, erinnert er sich. Die Ernte aber fiel üppig aus. Das Gemüse, so dachte er sich, könnte bei den Touristen ankommen, die wegen des Schiffshebewerkes in den 600-Einwohner-Ort kommen. „Aber die frischen Kräuter haben nicht mal die Berliner interessiert.“ Dann jedoch fiel dem Hobbykoch zufällig ein Senfrezept in die Hände. Mit einer betagten Kaffeemühle aus DDR-Zeiten begann seine Karriere als Senfmacher: Er kaufte ein paar Körner und probierte die Kochanleitung aus. „Wenn es schiefgegangen wäre, hätte ich immer noch ein Weihnachtsgeschenk gehabt.“ Es lief aber alles glatt. Anfangs noch mit Tapeziertisch, Plastestuhl und Sonnenschirm zog der Unternehmer von Wochenmarkt zu Wochenmarkt.
Aufstieg mit der Steuerfahndung im Nacken
Innerhalb kurzer Zeit kreierte der studierte Ökonom immer mehr Sorten, entwickelte eine Werbekampagne und präsentierte den Familienbetrieb zur Grünen Woche und zur Landpartie. Heute verkauft er in seinem Hofladen an der Hebewerkstraße neben Senf auch selbst gemachte Senf-Nudeln, Ketchup mit Minzgeschmack und Schnaps aus den Körnern. In den Anfangszeiten jedoch habe er erst einmal in einen Internetanschluss investiert, sagt Rainer Zimmermann. Die Verbindung in die weite Welt machte sich bezahlt. „Irgendwann meldete sich sogar das Bayerische Landeskriminalamt per E-Mail, um Senf zu bestellen.“ Etwas mulmig war dem Barnimer auch, als die Steuerfahndung bei ihm vorsprach. Aber diese meldete sich ebenfalls nur wegen einer Bestellung. Mittlerweile entwickelt Zimmermann seine Produkte nicht mehr nur allein, sondern auch mit anderen Unternehmen. Mit der Neuzeller Klosterbrauerei zum Beispiel ist der Biersenf entstanden. Genießern dagegen, die eher dem Wein zugewandt sind, bietet er ein umweltfreundliches Produkt ohne chemische Zusätze. Mit den Jahren ist der Mostrich- Hersteller so zum Fachmann geworden. Und da er, wie er sagt, aus Kochbüchern nicht viel Neues lernen kann, hat er selbst ein Heftchen auf den Markt gebracht, in dem er seine eigenen Kreationen und Senf-Kuriositäten vorstellt. Für Besucher des Schiffshebewerkes ist ein Abstecher zu Rainer Zimmermann jedenfalls unverzichtbar. Auch wegen der Senfklause, die er im vergangenen Jahr eröffnet hat. Im Sommer ein Kleinod unter freiem Himmel, inmitten von Vogelgezwitscher und dem feinen Geruch der neuesten Senf-Sorte. Denn die wird es ganz sicher geben, verspricht Senfmeister Zimmermann.
Bilder
1:Der Meister und sein Produkt: Rainer Zimmermann inmitten seiner Senf-Spezialitäten. Das Gewürz vermarktet der Unternehmer erfolgreich in seinem Hofladen in Niederfinow und über das Internet. Fotos (2): GMD/Thomas Burckhardt
2: Große Auswahl: Mehr als 60 Senf-Sorten bietet der Barnimer derzeit an.
Mandy Timm

