Auf der Winklmoss-Alm. Foto: Thilo Kunze
Der wohl schönste Teil Österreichs, der Tiroler Kaiserwinkel, lockt - nicht nur mit Schneegipfeln.
Wo ist er geblieben? Ich such den Winter, und keiner weiß, wo er ist. - Ob es ihn noch gibt?An die 700 Kilometer lege ich zurück und stehe plötzlich in der Heimat von „Gold-Rosi“ Rosi Mittermeier, Ski-Olympiasiegerin von 1976, und genieße das großartige Panorama mit Blick auf die Loferer Steinberge. Weiß schimmert und glitzert der Schnee auf der Winklmoos-Alm. Ich kneife die Augen zusammen. -Tatsächlich, es ist Winter!
Auf dem Hochplateau in über 1160 Metern Höhe spüre ich kaum einen Windzug. Die Handschuhe kann ich in der Jackentasche lassen. Ich stampfe zwischen Dürrnbachhorn (1776 m) und Kammerköhrplatte (1870 m), die neben mir eindrucksvoll emporranken, durch den, zugegeben, etwas festen Schnee. Fünf Kilometer dauert der Rundweg. Fünf Kilometer lang sehe ich: Ja, es gibt ihn noch, den Winter!
Wohnen im „Kreml"
Auf geht es nach Kössen, zum Peternhof im Kaiserwinkl, wo ich mein Domizil gewählt habe. Keine zehn Autominuten entfernt. Christian Mühlberger ist ein Paradebeispiel für das ehemals arme Alpenvolk, das in den vergangenen Jahrzehnten Beachtliches hervorgebracht hat. Was mal ein einfacher Bauernhof war, trägt längst vier Sterne. Der Alpenwirt hat jährlich erweitert und begrüßt jeden seiner Stammgäste wie einen alten Freund. „Sie haben Ihr Geld gut angelegt, liebe Leute“. Und so kann noch immer Neues entstehen: Zimmer für Singles. Ein Kinderparadies. Mehr Platz für Fitness... Bereits 330 Gäste genießen den Wohlfühtempel mit 154 Zimmern, Saunalandschaft, Schwimmhalle, Golfwiesen, Tennishalle... Fast immer ist alles ausgebucht. Mancher unten im Ort nennt den Peternhof anerkennend „Kreml“.
Markante Bergzüge
Nach einem Saunagang am Abend lass ich mir mein frischgezapftes Salzburger Stiegl schmecken. Morgen steht ein harter Fußmarsch durch den Kaiserwinkl an, der in diesem Winter nicht ganz so romantisch weiß glitzert wie oben auf der deutschen Alm.
Im schon recht frühlingshaften Januar zwitschern Vögel. Die Sonne blickt auf die unterhalb von tausend Metern grüne Wiesen, darüber auf schneebehangene Felsen. Die Wege bestehen größtenteils aus festem Grund und sind gut ausgebaut. Wasser fließt schnell ab. Ich muss mich nicht durch Schneematsch kämpfen. Wolken schieben sich wie ein langer weißer Bart zwischen Berge und Wälder. Die scharf-spitzen Kanten verlieren durch den zarten Plüsch etwas von ihrer Gefährlichkeit.
Der Kaiserwinkl liegt einem Teil von Tirol, der wohl der schönste sein muss, denn keine andere Region Österreichs hat eine so hohe Zweitwohnsitzzahl. Voller Ehrfurcht schaue zu den markanten Bergzügen des Wilden und des Zahmen Kaisers empor. Der eine heißt „wild“, weil er schartig ist; der andere Kaiser ist glatter abgeschliffen.
Nicht wenige Menschen schätzen den Kaiserwinkl auch als Ski-Paradies. Allein 140 Kilometer Loipen! Und 50 Kilometer prachtvolle Pisten! Da sehnt sich mancher nach mehr Schnee und Kälte. Auch die Pferdekutschfahrten sind richtig erfüllend und romantisch erst, wenn sich eine dicke weiße Schneedecke über Kössen und den Walchsee legt.
Mozartstadt und Stroganoff
Ausgezogen, um den Winter zu finden, will ich aber auch dorthin, wo ich ihn derzeit nicht zu suchen brauche. Ein wenig Städtekultur muss sein. Die Mozartstadt Salzburg ist in einer Stunde bequem zu erreichen. Ich bummle durch die gemütlichen Straßen der historischen Altstadt, vorbei an dem Geburtshaus des großen Komponisten und zur alten Festung. Unterwegs treffe ich auf Touristengruppen. Die meisten aus Russland. Die Zeiten, als nur die Toilettenfrauen aus dem Osten kamen, sind vorbei. Jetzt strömt von dort zahlungskräftige Kundschaft ins Alpenland. Viele Speisekarten werden schon in russischer Übersetzung angeboten.
Der Peternhof serviert bei meiner Rückkehr Filet Stroganoff. Das passt, denke ich.
Blick auf den Wilden Kaiser im Kaiserwinkl. Foto: Thilo Kunze
Thilo Kunze

