Monteur Manfred Kamke und Prokurist Wolfgang Dittmann (rechts) bei der Kontrolle einer neuen Anlage Foto: W. Döll
Der Exportboom der deutschen Werkzeugmaschinenhersteller füllt auch die Auftragsbücher der Maschinen- und Stahlbau GmbH in Joachimsthal.
Prokurist Wolfgang Dittmann sitzt ganz ruhig in seinem Büro und erklärt das kleine Wunder von Joachimsthal. „Der Maschinenbau erlebt gerade eine Hochkonjunktur und auch wir denken über eine Personalerweiterung nach.“ Hinter diesem einen Satz verbirgt sich eine fast beispielhafte Entwicklung eines ostdeutschen Betriebes. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand auf dem Gelände des heutigen Maschinen- und Stahlbaus eine Maschinen- und Traktorenstation (MTS). Später wurde daraus der VEB Gartenbautechnik. Fast 120 Mitarbeiter bauten in Joachimsthal Maschinen für die Ernte und Bearbeitung von Obst sowie Gewächsthaustechnik. In der DDR und in Osteuropa gab es dafür genügend Abnehmer.„Nach der Wende aber konnten unsere Kunden ihre Aufträge nicht in D-Mark bezahlen, unser Markt fiel einfach in sich zusammen“, blickt Wolfgang Dittmann zurück. „Wir waren ein funktionierender Betrieb ohne verkaufbare Produkte.“ 23 Mitarbeiter blieben an seiner Seite übrig. Wolfgang Dittmann schaute sich den Markt genau an, suchte nach verkaufbaren Erzeugnissen und wurde schnell fündig. Bauwagen waren das Produkt der damaligen Stunde in Joachimsthal. „Mit der Einführung der D-Markt hier im Osten entstand ein Bauboom, die Firmen brauchten fahrbare Unterkünfte. Das war unsere Chance, diese Produktionsidee rettete uns.“
Glück mit der Treuhand
Dann kam die Stunde der Treuhand. „Es mag andere Beispiele geben, aber wir hatten Glück mit der Treuhand“, erinnert sich der Prokurist. Ein Geschäftsmann und Besitzer einer Metallfirma aus Köln interessierte sich für den Betrieb in Joachimsthal, kaufte ihn und stieg schließlich als Geschäftsführer ein. „1991 begann der Aufbau einer neuen Produktionslinie.“ In Joachimsthal wurden fortan Flüssigkeitsfilter- und Entsorgungsanlagen für Metallspäne hergestellt. Sie sind Bestandteile von Werkzeugmaschinen, filtern die beim Drehen oder Fräsen eingesetzten Kühlmittel und sammeln die im Arbeitsprozess an den Maschinen anfallenden Metallspäne. Keine moderne Werkzeugmaschine kann ohne solche Anlagen arbeiten.
„Wir liefern die Komponenten für einzelne Maschinen und auch für ganze Werkstattsysteme“, erzählt der Prokurist. Namhafte deutsche Maschinenhersteller gehören zu den Abnehmern. Weil sie zu den Weltmarktführern gehören, sind auch die Produkte aus Joachimsthal weltweit gefragt. 75 Mitarbeiter sind inzwischen wieder auf dem Gelände am Rand der Kleinstadt und in einer angemieteten Halle in Eberswalde tätig. Anfangs produzierten die Joachimsthaler nur die Zubehörteile und Anlagen für die Werkzeugmaschinen, inzwischen beschäftigt der Maschinen- und Stahlbau auch eigene Konstrukteure. „Wir entwickeln neue Verfahren und haben dafür schon einige Patente.“
Wettbewerbsvorteile nutzen
Das Unternehmen erlebt die wohl beste Phase seiner Geschichte und trotzdem lehnt sich Wolfgang Dittmann nicht zufrieden in seinem Stuhl zurück, denn er spürt von den neuen EU-Mitgliedsländern einen gewissen Druck. „In einigen Jahren können Firmen von dort einfache Formen der Metallbearbeitung in gleicher Qualität wie wir, aber viel billiger anbieten, weil dort die Betriebskosten viel niedriger sind“, erklärt er und fügt die Schlussfolgerung gleich selbst an. „Wenn wir auch künftig am Markt bestehen wollen, müssen wir eben unseren fachlichen Vorteil nutzen und für unsere Abnehmer komplexe Systeme in Spitzenqualität entwickeln und herstellen.“ In den Konstruktionsbüros wird daran schon gearbeitet. „Wer sich besser den Marktbedingungen anpasst und sich schneller entwickelt als andere Firmen, ist im Wettbewerb der Anbieter eben im Vorteil“, sagt Wolfgang Dittmann ganz ruhig und blickt gelassen in die Zukunft.
Filter- und Entsorgungsanlagen aus Joachimsthal sind weltweit gefragt Foto: W. Döll
Wilko Döll

